Von Rauten, Fingern und Gesten allgemein

[Ich verzichte hier auf Links. Ist mir hier zu blöd. Und gelesen habt ihr’s ja eh irgendwo.]

Von einem Wahlkampf erwarte ich ja generell nicht viel. In den letzten Jahren waren es zumeist Hahnenkämpfe, zähle ich sämtliche Wahlen. Und ja, es waren vorwiegend weiße, heterosexuelle Männer, die sich in Talkshows tummelten, sich auf kommunalen Podien beleidigten oder bei Wahlkampfreden hin und wieder gegen eine nicht-anwesende Gegenseite kräftig austeilten.

Dieser Wahlkampf allerdings setzt allem bisherigen die Krone auf. Er ist so inhaltslos wie nur irgend möglich und erinnert eher an Imagekampagnen für Konzerne oder Produkte. Hinzu kommt eine unerträgliche Flapsigkeit gerade von den Seiten, die schon getrost als Hauptkonkurent_innen bezeichnet werden können.

Die Raute

Da wirbt eine Regierungspartei am Berliner Hauptbahnhof mit den überdimensonalen Händen ihrer Chefin und Bundeskanzlerin. (Ja, das „ihrer“ kann ruhig auch vor Bundeskanzlerin gelesen werden, denn meine ist es nicht.) Es dauert nicht lange, da kommt eine Zeitung daher und spricht irgendwas von Eso-Geste. Sicherlich mag diese Raute, welche Angela Merkel da mit ihren Händen formt, ein Ausdruck von Gelassenheit, Ruhe, aber auch Abwarten und Unsicherheit. Eine Geste, welche Merkel von entsprechender Seite gleich auf ihre Weiblichkeit reduzierte, da sie, ähnlich auf einem Schaubild für den Biologieunterricht, an die Form der inneren Schamlippen erinnere.

Nun; das war bisher eher nebensächlich. Was mich gestört hat, war die sinnlose Großplakatierung – auch wenn daraus lustige Bilder entstanden sind.

Aber nun kommts:

Der Finger

Was ist_sind (ein) Finger, wenn nicht die Körperteile, welche eine Aussage unterstreichen, die Intention einer Aussage hervorheben oder selbst eine Aussage als alleinstehende Geste formulieren. Und der Mittelfinger kann eine sehr starke Aussage liefern.

Peer Steinbrück setzt ihn ein, als er für ein Interview in Bildern für das SZ-Magazin auf seine „Spitznamen“ angesprochen wird. Der Mittelfinger sei ein Ausdruck der Leidenschaft und ein Ausdruck legitimer Frustration, sprang Hubertus Volmer auf n-tv.de für den „ach so armen“ Steinbrück in die Presche. Für Sebastian Pfeffer, Kolumnist des The Europian, ist es gleich der „Finger der Menschlichkeit“. Lenz Jacobsen verteidigt die Geste auf Zeit-Online als „die passende Antwort auf die Häme der vergangenen Monate“.

Doch da ist Juliane Leopold, die alles wieder gerade rückt. (Ich bin ehrlich gesagt froh darüber, dass sie da ist.) Der Mittelfinger; die Geste eines Verlierers, die denjenigen erzählt, welche Steinbrück vielleicht wählen könnten, „Was interessiert ihr mich!“ Was sagt das?

Der Mittelfinger mag durchaus eine Antwort auf Häme oder der Ausdruck von Frustration sein, aber er ist werder legitim noch passend. Dieser Mittelfinger ist ein Ausdruck von Argumentationlosigkeit. Er ist genauso eine Geste der Unsicherheit, die aber im Gegensatz zu Raute der Angela Merkel eine Überlegenheit demonstrieren soll. Diese Demonstration geschieht aus Trotz und Schutz vor Häme und zieht damit weitere an. Die Symphatie, die er damit erhofft zu ereichen auf Konventionen zu pfeifen (in dem er Konventionen stabilisiert) und Emotionen zu zeigen, hat nicht lange Zeit Hallo zu sagen; sie wird gleich wieder herausgeschmissen.

Beide Gesten, Gesten der Passivität, drücken Unsicherheit und gegenseitige Unterlegenheit aus; bei Angela Merkel, weil sie unangreifbar bleiben will (womit aber ihre Oberfläche so glatt und konturlos wird, dass sie uns blendet); bei Peer Steinbrück, weil er sich angegriffen fühlt und denkt, sich ferteidigen zu müssen (womit seine Oberfläche zum Spiegel seines Inneren wird, das von einer Ratio weit entfernt ist).

Während die Raute als undefinierbar gelesen wird, ist sie letztlich nur ein Ausdruck der Hilflosigkeit, weil Merkel nicht weiß, wohin sie ihre Hände stecken soll so ohne Hosentaschen. Steinbrücks Mittelfinger hingegen ist ein klarer Ausdruck des männlichen, drohenden Habitus, der nach Außen eine scheinbare Überlegenheit suggerieren soll, wohingegen es dahinter mächtig bröselt.

Mir ist die Raute da schon lieber.

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