Warum eigentlich wiegen?

Oder: Wie wichtig ist das Körpergefühl wirklich in einer von Konventionen durchzogenen Gesellschaft?

(Dieser Text wird wahrscheinlich sehr wirr, weil sich meine Gedanken dabei ständig im Kreis drehen)

Nicht selten kommt es vor, dass ich mich dabei ertappe, nach Möglichkeiten zu suchen mich zu wiegen. Die Frage ist allerdings: warum? Die Antwort darauf ist zunächst relativ einfach. Es wird eine_m ständig suggeriert, auf ihr_sein Gewicht zu achten; nicht unter- oder übergewichtig zu sein. Hinzu kommt ein ständig transportiertes Schönheitsideal, das sich in lookistischen Aussagen zeigt und das zu durchbrechen viel Anstrengung benötigt. (Von einem angeeigneten, selbstreflektieren Schönheitsideal, welches von Konventionen nicht in Gänze frei ist, möchte ich gar nicht erst anfangen. Denn dann komme ich hier vom Hundertste ins Tausendste.) Die Menschen mit ihren Aussagen zu konfrontieren ist für mich immer ein Anfang; auch das eigene Idealbild zu hinterfragen. Hier soll es aber nicht um Ex(mans)plaining gehen, sondern um meine persönlichen Erfahrungen.

Warum will ich mich denn nun wiegen?

Von irgendeiner Seite kommt immer der Satz, den ich überhaupt nicht hören möchte: „Iss mal mehr, dann nimmst du auch zu.“ – Ja, ja. Als wäre das so einfach. Und schwups will ich die nächste Waage sehen; nur um dann erneut festzustellen, dass ich mit meinen ungefähr 70 kg bei einer Körpergröße von 1,85 m keinem wie auch immer ausgerechneten Tabellenwert entspreche.

But why the fuck I still care about this?

Mit dem Vorherigen wäre eigentlich alles gesagt. Nur verhält es sich komplizierter.

Ich habe seit über elf Jahren keine Waage in meinem Haushalt. (Was allerdings dem Umstand zuzurechnen ist, dass ich mir keine gekauft habe, nachdem ich zu Hause ausgezogen bin.) Trotz oder gerade wegen meines Unwohlseins. Ich habe gegessen, wenn ich Hunger hatte. Wenn ich zu viel gegessen habe, musste es eben wieder raus oder ich habe am nächsten Tag nichts bzw. nur sehr wenig gegessen. An manchen Tagen habe ich es aber einfach vergessen. Solche Tage gibt es heute manchmal auch noch.

Das Paradoxe daran ist, dass ich zunehmen wollte. Weil mir die Ärztin bei der amtsärztlichen Untersuchung im Zivildienst sagte, ich sei – surprise – untergewichtig, ging das aber trotzdem nach hinten los. Und zack, da war es wieder. Ich aß viel, ich brach viel. Und wollte mich unbedingt wiegen; auch wenn mir mein Gefühl sagte: hey, don’t be stupid, lass es einfach.

Genau deswegen ertappe ich mich heute noch dabei, wie ich mich bei meiner Mutter oder bei meinem Vater auf die Waage stelle und mich über jedes Gram weniger ärgerer.

Was hat sich geändert?

In den Jahren hat sich einiges geändert. Ich habe gelernt, meinen Körper so zu akzeptieren, wie er ist. Für andere bin ich eben dünn. (Wie ich es selbst bezeichnen würde, weiß ich nicht. Es ist auch nicht so wichtig.)

Sehr zu Dank verpflichtet bin ich einem Arzt, der mir nach einem einschneidenden Ereignis sagte, dass ich mir keine Gedanken machen solle über mein Gewicht. Ist eh nur eine Zahl. Irgendwann gibt sich das von ganz allein und wann das ist, hänge nicht von mir ab. Endlich hatte ich etwas, das ich allen ins Gesicht schmieren konnte. Bähm!

Das ging lange Zeit gut. Ich hörte nur noch auf meinen Körper. Ich merk(t)e, wann ich ab_nahm_nehme und zu_nahm_nehme. Stresssituationen konnten gemeistert werden. Denn ich habe mich so trainiert, genau dann zu essen, wenn es notwendig war/ist, auch nicht mehr bis zur Schmerzgrenze. Auch wenn es hin und wieder kleine Störungen oder Rückfälle gibt, klappt das ganz gut.

Und was hat das jetzt mit Körpergefühl und Konventionen zu tun?

Ja, genau? Wie jetzt?

Das eigene Körpergefühl ist für mich sehr wichtig geworden, weil ich dadurch gelernt habe, dass ich keiner Waage mehr bedarf. Es macht das Leben etwas einfacher.

Auf der anderen Seite habe ich mich dadurch mit Körperbildern auseinandergesetzt. Ich muss sagen, dass es schwierig ist, sich von gängigen Bildern zu trennen. Lookistische Verhaltensweisen an sich selbst zu erkennen ist ein Schlag auf den Hinterkopf und lässt an sich selbst zweifeln. (Ich bin ja irgendwie doch nicht davor gefeit. Warum reagiere ich so, wenn ich es doch besser weiß?) Es hat mir egal zu sein. Und der Rest ist lookistische Kackscheiße. Auch wenn ich hin und wieder doch auf ein fishing for compliments reinfalle.

Die Selbstzweifel nehme ich in Kauf, denn es kann nur besser werden. Bis ich zu einem „Wiegen? Who cares.“ für mich angelangt bin, dauert es auch noch. Bisher bin ich noch bei einem „It still cares a bit.“

PS: Danken möchte ich an dieser Stelle @fraeulein_tessa hierfür:

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Ein Kommentar zu „Warum eigentlich wiegen?

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